Die Geschichte der F.D.P. in Düsseldorf

Von Dr. Burkhard Hirsch (Bundestagsvizepräsident a.D.), *1930 - †2020

Es würde mir schwer fallen, die Gefühle zu beschreiben, die uns 1945 beherrschten, wenn wir überhaupt Zeit hatten und die Kraft, uns Gefühle zu erlauben. Es ging nicht nur um das Überleben, die Zertrümmerung unserer Städte und den Sturz der Götzen. Mich verblüffte die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der manche Zeitgenossen ihre Gesinnung wechselten, einst bis zur letzten Minute tiefbraune Untertanen, nun plötzlich knallrote oder gutbürgerliche Demokraten, die immer Widerstandskämpfer gewesen waren, heimlich natürlich. Eines Tages las ich Heinrich Heine. In dem Buch Le Grand beschreibt er unnachahmlich, wie er als Junge den Einmarsch Napoleons in Düsseldorf erlebt, wie am Vorabend die Abdankung des Kurfürsten verkündet wird - "Der Herr Kurfürst läßt sich bedanken". Er sieht, wie dem Kriegsinvaliden die Tränen in den Bart rinnen. Er glaubt, die Welt gehe zu Ende und die Sterne müßten herniederfallen. Und am nächsten Tag ziehen die französischen Truppen mit klingendem Spiel ein, die Bürger stehen herausgeputzt am Straßenrand, die Ratsherren sprechen auf einmal französisch - bonjour madame - und das besoffene Original brüllt in der Gosse Ca ira! Es ist das Schönste und Anmutigste, was ich über das Verhältnis von Menschen bei einem Zusammenbruch gelesen habe, zeitlos gültig und daher beruhigend.

Am Anfang der Geschichte der F.D.P. in Düsseldorf steht das Treffen weniger Männer im November 1945 im Cafe Weitz an der Köngisallee. Sie sagten sich nach ihren bitteren Erfahrungen, daß es nicht ausreicht, sich nur um das eigene persönliche Schicksal zu kümmern, sondern daß man mehr tun müsse, um eine Wiederholung des Schreckens zu verhindern. Sie wollten eine liberale Partei gründen. Unter ihnen waren zwei, die für manche von uns noch feste Begriffe sind, Hans Ostwaldt und Georg Sauerborn. Sie hatten sich 1923 in Koblenz im Gefängnis kennengelernt, der eine als Unterprimaner, der andere als stv. Landrat. Der eine Ostwaldt, war später wegen Stresemann zur eher nationalen DVP gegangen, der andere, Sauerborn, war bei der eher linksliberalen DDP Friedrich Naumanns geblieben.

Am 23. Juni 1946 kommt es schließlich nach langen Vorarbeiten zur offiziellen Gründungsveranstaltung des Düsseldorfer Kreisverbandes mit acht Mitgliedern in der Aula der Luisenschule in der Kasernenstraße. Der Hauptredner war Wilhelm Heile, früher Mitarbeiter Friedrich Naumanns, Gewerkschaftler, erster Rektor der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin, zu deren Dozenten auch ein junger Mann namens Theodor Heuss gehörte. Im Oktober 45 hatte der Opladener Verleger Dr. Middelhauve schon die FDP Nordrhein gegründet. Heile, ein eindrucksvoller Redner, war der erste Vorsitzende in der damaligen britischen Zone und reiste unermüdlich zu den neuen Kreisverbänden, um sie zusammenzufassen und unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Zusammen mit Wilhelm Külz, dem Vorsitzenden der LDP in der sowjetischen Besatzungszone, gründete er schon 1947 in Berlin die gesamtdeutsche FDP. Beide waren alte Bekannte, Reichstagsabgeordnete der DDP, Külz mehrfach Reichsinnenminister.

Zurück nach Düsseldorf. Der erste Kreisvorsitzende wurde Wilhelm Hellwig. Bei den ersten Kommunalwahlen 1946 fielen wir durch, 1948 bekamen wir drei Mandate, und erst bei der Kommunalwahl 1952 erlangten wir stolze 9 Mandate: Willy Berens, Journalist und Jungdemokrat, Robert Helligrath, Doris Goettke, Heinrich Gotzens, Franz Graf, später einer unserer erfolgreichsten Kreisvorsitzenden, der Realschuldirektor Erich Grimoni, Emil Kremer, Willy Rasche, später ebenfalls langjähriger, beliebter, energischer und bei passender Gelegenheit auch autokratischer Kreisvorsitzender und Bürgermeister, der einmal versprach, auf einen weißen Elefanten durch die Stadt zu reiten, was er aber leider nicht tat, und Georg Sauerborn, Kommunalpolitiker alter Schule, der die hemdsärmelige Art Rasches und Bruno Rechts nur mühsam ertrug und bei allen Fraktionen ein überragendes Ansehen genoß.

Düsseldorf hat eine große bis ins Jahr 1848 zurückreichende liberale Tradition mit namhaften Abgeordneten von der Paulskirche bis zum Reichstag. Ich will von ihnen wenigstens Marie Elisabeth Lüders nennen, spätere Berliner Ehrenvorsitzende. Der Düsseldorfer Kreisverband gehörte lange Jahre nicht nur zu den größten Kreisverbänden der Bundesrepublik mit über 1200 Mitgliedern. Wir haben uns vor allem in alle Ebenen der Politik hineingekämpft.

Auf der Landesebene hatte Karl Arnold nach der ersten Landtagswahl im Juli 46 ein Kabinett aus VDU, SPD, KPD und Zentrum gebildet. Die FDP blieb bis 1954 in der Opposition. Im 3. Kabinett Arnold wurde dann Middelhauve stv. Ministerpräsident und Willy Weyer Wiederaufbauminister. Das hielt nur zwei Jahre.

Im Jahr 1956 kam die dramatische Spaltung der FDP in Bonn, der Versuch Adenauers, sich mit dem Grabenwahlsystem des lästigen Koalitionspartners zu entledigen. Um das über den Bundesrat verhindern zu können, stürzte die FDP hier in Düsseldorf Karl Arnold mit einem konstruktiven Mißtrauensvotum zugunsten des Sozialdemokraten Fritz Steinhoff. Es war die Stunde der Jungtürken, des "Vierers mit Steuermann" - Weyer, Scheel und Wolfgang Döring und Walter Möller mit Alfred Rieger, dem Landesgeschäftsführer, natürlich wie Scheel und Döring auch Mitglied des Kreisverbandes Düsseldorf. In das Kabinett Steinhoff gingen Weyer als stv. Ministerpräsident, Hermann Kohlhase, damals aus Bielefeld, für Wirtschaft und Verkehr, Jupp Effertz für Landwirtschaft, Prof. Luchtenberg für Kultur.

Nun müßte ich eigentlich alle Kabinette in Bund und Land aufzählen, in denen wir vertreten waren. Aber es reicht ja eigentlich die Feststellung, daß dieser Kreisverband wie kein anderer die Möglichkeit bot und hatte, auf allen Ebenen der Politik nachhaltig Einfluß auszuüben. Und nun möchte ich einige nennen, Walter Scheel, auch einmal unser Kreisvorsitzender, Bundesvorsitzender, wurde der erste Entwicklungsminster der Bundesrepublik, Außenminister, Vizekanzler, Bundespräsident, jahrelang unser Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Europarates, Alfred Rieger, lange Jahre Landesgeschäftsführer und mehr als das, ein politischer Organisator dieses größten Landesverbandes der FDP, der unvergessene Wolfgang Döring, der uns als kämpferischer Redner begeisterte und der einen ganzen Saal als Sänger und Entertainer unterhalten konnte, Hermann Kohlhase, Wirtschaftsminister, Beigeordneter der Stadt Düsseldorf, Staatssekretär im Kultusministerium, dann Wohnungsbauminister, ein Urbild an Zuverlässigkeit, der es mit Willy Weyer überhaupt nicht leicht hatte, später Horst-Ludwig Riemer als stv. Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, Landesvorsitzender, mit den ersten Mittelstandsförderungsprogrammen, wir haben damals die ersten wirtschafts- und kommunalpolitischen Programme zur Umstrukturierung des Ruhrgebietes entwickelt, Achim Rohde als Regierungspräsident und später Fraktionsvorsitzender, Mechthild von Alemann als Abgeordnete, erst im Landtag, dann im Europaparlament, ebenfalls Kreisvorsitzende, im Rat der Stadt vor allem Hans-Günther Deimel, lange Jahre Kreis- und Fraktionsvorsitzender, dessen kommunalpolitische Haupttat der Neubau der Messe war, zusammen mit Robert Gaes und Kurt Schneider, Heinz Winterwerber, der wohl von uns allen die längste Zeit im Rat gearbeitet hat, Jürgen Schroer, der einmal zögerte, ob er sich in erster Linie dem Republikanischen Club oder der FDP zuwenden sollte, da hat er sich richtig entschieden, gleichzeitig im Rat und mehrfacher Kreisvorsitzender, auch Bruno Recht, der uns leider in unguter Weise verlassen hat, unsere Beigeordneten Dr. Senger, Dr. Landwers für Sport und als Kämmerer, der Erfinder des Gedankens, die Olympischen Spiele ins Ruhrgebiet zu holen und der Gründer des öffentlichen Golfplatzes auf den Rheinwiesen, Bernd Abetz, stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten, selbständiger Werbekaufmann, Beigeordneter und uns als guter Freund unvergeßlich, Peter Wissmann, Kämmerer in schwieriger Zeit, unser Oberverkehrskadett Horst Jakobskrüger, der noch länger in diesem Kreisverband tätig ist als ich, Klaus Burkhardt, unsere langjährige Kulturpäpstin Ursula Gonnella.

Es war nicht immer glatt. Wir haben Krisen gehabt und auch Streit, natürlich, Erfolg und Niederlagen. In der Politik wird nichts geschenkt. Es darf auch nichts geschenkt werden. Aber der Wandel der letzten Jahre ist atemberaubend und grundsätzlich. Unsere Welt hat sich in den letzten Jahren völlig verändert. Parteipolitisch haben die Erfolge der Grünen große Schwierigkeiten gebracht, weil sie uns Liberale aus unserer ausgleichenden Funktion zwischen den großen Volksparteien herausgedrängt haben, ohne selbst diese Rolle einnehmen zu können. Das hat zu einer Erstarrung der Innenpolitik geführt, zu einem Lagerdenken zwischen politischen Blöcken, zu einer wesentlichen Erschwerung notwendiger Reformen.

Es wird Zeit, daß die Liberalen wieder einen größeren Anteil an der Formulierung der Politik einnehmen, auch in der Gemeinde. Das oberste Ziel dieses Kreisverbandes muß es sein, wieder in den Rat zurückzukehren - und das wird uns gelingen, auch wenn wir dafür einen langen Atem brauchen.

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