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Düsseldorf, wir müssen reden: Die Insel der Glückseligen gerät ins Unwetter – Ein Bericht von Johanna Spielberg-Jöcks

Düsseldorf war für mich lange eine Insel der Glückseligen. Eine Stadt, die wirtschaftlich besser dastand als viele andere, eine Stadt mit internationalem Publikum, starken Unternehmen, einer florierenden Gastronomie und einem Einzelhandel, um den uns andere Städte beneidet haben. Düsseldorf hatte eine besondere Mischung aus Wirtschaftskraft, Lebensqualität und urbanem Leben. Wir konnten uns lange darauf verlassen, dass unsere Stadt funktioniert. Vielleicht haben wir uns daran sogar ein wenig zu sehr gewöhnt.

Denn wenn ich heute durch Düsseldorf gehe, habe ich zunehmend das Gefühl, dass sich das Wetter verändert. Und zwar schneller, als wir wahrhaben wollen. Immer häufiger sehe ich leere Ladenlokale, verklebte Schaufenster und Räumungsverkäufe. Es sind längst nicht mehr nur einzelne Geschäfte in irgendwelchen Nebenlagen. Auch etablierte Händler, bekannte Marken und inhabergeführte Unternehmen kämpfen ums Überleben. Auf der Graf-Adolf-Straße ist mir ein Schild besonders ins Auge gefallen. Neben einem großen Schild mit der Aufschrift „Räumungsverkauf“ prangt ein beinahe ebenso großes: „Made in Germany: Auch wir müssen leider schließen!“ Das ist für mich mehr als eine weitere Geschäftsaufgabe. Es ist ein Warnsignal.

Ich spreche mit Einzelhändlern in Düsseldorf. Und immer häufiger höre ich denselben Satz: „So schlimm war es noch nie.“ Natürlich sind solche Einschätzungen subjektiv. Aber wenn sie sich häufen, sollten wir zuhören. Die Stadt hat inzwischen selbst erkannt, wie stark sich der Einzelhandel verändert, und führt 2026 eine neue Vollerhebung des Düsseldorfer Einzelhandels durch. Das ist richtig und wichtig. Aber ich möchte nicht auf die nächste Statistik warten, um zu erkennen, dass sich vor unseren Augen etwas verändert. Eine Innenstadt besteht schließlich nicht aus Immobilien und Quadratmetern Verkaufsfläche. Sie lebt von Menschen, Geschäften, Gastronomie, Kultur und Begegnung. Wenn immer mehr Händler aufgeben, verlieren wir deshalb nicht nur Geschäfte. Wir verlieren Arbeitsplätze, Vielfalt, Aufenthaltsqualität und ein Stück dessen, was Düsseldorf ausmacht.

Manchmal stelle ich mir deshalb eine ganz einfache, vielleicht etwas provokante Frage: Was wäre, wenn ich heute ins Koma fallen würde und in sechs Monaten wieder aufwachte? Wie würde Düsseldorf dann aussehen? Welche Geschäfte wären noch da? Welche Restaurants? Welche kleinen, inhabergeführten Läden, die heute selbstverständlich zu unserem Stadtbild gehören? Wie viele Schaufenster wären leer? Und wie viele Menschen würden noch sagen: „Ich gehe zum Einkaufen in die Innenstadt“, wenn es dort immer weniger Gründe dafür gibt?

Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass wir nicht den Fehler machen, die aktuelle Situation schönzureden, nur weil Düsseldorf im Vergleich zu anderen Städten noch gut dasteht. Düsseldorf ist stark. Aber Stärke ist kein Dauerzustand. Andere Städte verändern sich, der Onlinehandel verändert sich, das Konsumverhalten verändert sich und damit verändern sich auch die Anforderungen an unsere Innenstadt. Wer glaubt, Düsseldorf werde automatisch gewinnen, nur weil es in der Vergangenheit erfolgreich war, könnte eines Tages sehr unsanft aufwachen.

Was können wir also tun? Für mich beginnt es mit einer einfachen Erkenntnis: Wir müssen den Menschen, die in Düsseldorf Handel und Gastronomie betreiben, das Leben leichter machen – nicht schwerer. Wir brauchen endlich einen viel konsequenteren Umgang mit Leerständen. Warum soll ein Ladenlokal monatelang oder sogar jahrelang dunkel bleiben, wenn gleichzeitig junge Unternehmen, Start-ups, Künstler, Handwerker und neue Händler nach Möglichkeiten suchen? Düsseldorf könnte eine zentrale Leerstandsbörse schaffen und Eigentümer viel stärker mit potenziellen Zwischennutzern zusammenbringen. Pop-up-Stores, temporäre Geschäfte und neue Konzepte könnten aus leeren Schaufenstern wieder Anziehungspunkte machen. Aber wir sollten noch einen Schritt weitergehen: Leerstand darf nicht zum Dauerzustand werden. Die Stadt muss Eigentümer stärker in die Verantwortung nehmen und alle rechtlich möglichen Instrumente ausschöpfen, um langanhaltende Leerstände zu verhindern. Denn wo ein fauler Zahn entsteht, bröckelt bald das ganze Gebiss. Das müssen wir verhindern.

Wir müssen außerdem dafür sorgen, dass Menschen gerne und unkompliziert in die Innenstadt kommen. Dazu gehört für mich ausdrücklich auch das Auto. Parken in Düsseldorf muss wieder bezahlbarer werden. Wer für einen Einkauf oder einen Restaurantbesuch in die Stadt kommt, darf nicht das Gefühl bekommen, dass bereits die Anreise zum Kostenfaktor wird. Gleichzeitig müssen wir die Alternativen verbessern: Ein attraktiver, verlässlicher und bezahlbarer ÖPNV mit sauberen, sicheren und ordentlich gepflegten Bahnhöfen und Haltestellen gehört genauso dazu wie sichere und gut ausgebaute Fahrradverbindungen ohne Schlaglöcher. Wer Menschen zum Umsteigen bewegen will, muss ihnen auch eine echte Alternative anbieten. Ich möchte keine ideologische Debatte darüber, welches Verkehrsmittel das „richtige“ ist. Ich möchte, dass Menschen eine echte Wahl haben. Wer mit dem Auto kommen möchte, soll das können. Wer Bus und Bahn nutzen möchte, soll schnell und zuverlässig ans Ziel kommen. Und wer mit dem Fahrrad fährt, braucht sichere und komfortable Wege. Eine attraktive Innenstadt ist eine erreichbare Innenstadt.

Aber Erreichbarkeit allein reicht nicht. Menschen müssen auch einen Grund haben, in der Stadt zu bleiben. Der Konsum bricht weg – und das ist längst kein rein Düsseldorfer Problem. Viele Menschen haben angesichts von Inflation, hoher Wohnkosten, steigender Energiepreise und allgemeiner wirtschaftlicher Unsicherheit schlicht weniger Geld zur Verfügung. Der Bundestrend trifft auch unsere Stadt. Aber gerade deshalb muss Düsseldorf alles dafür tun, dass das Geld, das Menschen noch ausgeben können und wollen, auch tatsächlich in unserer Stadt ausgegeben wird.

Und dazu gehört auch die Frage, wie sich Menschen in unserer Innenstadt fühlen. Wenn Schmutz, Verwahrlosung, öffentlicher Drogenkonsum oder bedrückende Situationen durch aggressive und stark alkoholisierte Menschen zum alltäglichen Stadtbild gehören, sinkt das individuelle Sicherheitsgefühl. Wer sich in einer Straße oder an einem Platz nicht wohlfühlt, bleibt nicht länger, kommt nicht wieder und lädt vielleicht auch seine Freunde nicht mehr dorthin ein. Das ist nicht nur ein Problem der Ordnungspolitik. Es ist auch ein wirtschaftliches Problem.

Deshalb brauchen wir eine konsequente Sauberkeits- und Sicherheitsoffensive für Düsseldorf. Öffentliche Räume müssen sauber sein. Drogenkonsum darf nicht zum akzeptierten Bestandteil des Stadtbildes werden. Pöbeleien und aggressives Verhalten dürfen nicht einfach hingenommen werden. Wir brauchen mehr sichtbare Präsenz von Ordnungsamt und Polizei an den Orten, an denen Menschen sich heute zunehmend unwohl fühlen, und wir müssen die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten konsequent nutzen. Eine lebendige Innenstadt braucht nicht nur Geschäfte, sondern auch öffentliche Räume, in denen man sich gerne und sicher aufhält.

Auch bei Gebühren, Genehmigungen und bürokratischen Auflagen müssen wir genauer hinschauen. Ein kleiner Händler kann nicht dieselben bürokratischen Lasten tragen wie ein internationaler Konzern. Wenn jemand eine kleine Aktion vor seinem Geschäft veranstalten, einen Pop-up-Verkauf organisieren oder gemeinsam mit anderen Händlern ein Straßenfest auf die Beine stellen möchte, sollte die erste Reaktion der Verwaltung nicht sein: „Das geht nicht.“ Sie sollte sein: „Wie können wir es möglich machen?“ Wir brauchen eine Verwaltung, die sich als Partner der Wirtschaft versteht. Jede Gebühr, jede Auflage und jeder Genehmigungsprozess muss daraufhin überprüft werden, ob er wirklich notwendig ist. Was nicht notwendig ist, muss weg. Was digital und schneller erledigt werden kann, muss digital und schneller erledigt werden. Düsseldorf darf Unternehmen nicht durch Bürokratie vertreiben.

Und wir dürfen bei all dem nicht nur auf die große Innenstadt schauen. Düsseldorf lebt auch von seinen Stadtteilzentren. In Bilk, Derendorf, Oberkassel, Kaiserswerth, Gerresheim, Benrath und vielen anderen Stadtteilen entscheidet sich jeden Tag, ob Menschen noch vor Ort einkaufen, essen gehen, Dienstleistungen nutzen und sich begegnen. Ein inhabergeführtes Geschäft in einem Stadtteil ist genauso ein Teil unserer städtischen Infrastruktur wie ein großer Einkaufsstandort in der Innenstadt. Wenn dort die Vielfalt verschwindet, wird auch das Leben vor Ort ärmer.

Ich glaube deshalb, dass wir eine grundsätzliche Debatte darüber führen müssen, wie wir Düsseldorf in fünf oder zehn Jahren sehen wollen. Wollen wir eine Innenstadt, in der große internationale Filialisten die wenigen verbliebenen starken Standorte besetzen und dazwischen immer mehr leere Flächen entstehen? Oder wollen wir eine Stadt, in der Menschen gerne einkaufen, essen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen? Wollen wir eine Innenstadt, die nach 20 Uhr weitgehend leer ist, oder eine lebendige Stadt, in der Handel, Gastronomie, Kultur und Wohnen zusammen funktionieren?

Und natürlich gehören dazu auch die großen Infrastrukturprojekte. Düsseldorf darf bei seiner Entwicklung nicht auf Sicht fahren. Eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur, moderne Bahnverbindungen, gute Straßen, digitale Infrastruktur und attraktive öffentliche Räume sind keine Luxusprojekte. Sie sind ein Standortfaktor. Unternehmen investieren dort, wo sie langfristige Perspektiven sehen und auf eine funktionierende Infrastruktur vertrauen können. Deshalb müssen wichtige Infrastrukturprojekte konsequent verfolgt, beschleunigt und auch gegen Widerstände durchgesetzt werden. Wer heute investiert, entscheidet mit darüber, wie attraktiv Düsseldorf morgen als Wirtschaftsstandort ist.

Düsseldorf hatte bisher hervorragende Voraussetzungen. Wir haben noch starke Unternehmen, Tourismus, Messen, Kultur, Gastronomie, eine hohe Kaufkraft und eine internationale Ausstrahlung. Aber genau deshalb dürfen wir uns nicht zurücklehnen. Die Insel der Glückseligen gibt es nicht mehr. Das wirtschaftliche Unwetter ist längst da – und es zieht auch an Düsseldorf nicht vorbei.

Ich möchte nicht, dass wir in einigen Jahren zurückblicken und sagen: „Eigentlich haben wir es damals schon gesehen.“ Ich möchte, dass wir jetzt handeln. Für die Unternehmer, die jeden Morgen ihre Türen aufschließen. Für die Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze daran hängen. Für die Menschen, die ihre Stadtteile und ihre Innenstadt lieben. Und für eine Stadt, die auch in zehn Jahren noch lebendig, vielfältig und wirtschaftlich stark ist.

Düsseldorf hat lange von seiner Stärke gelebt. Jetzt ist es Zeit, diese Stärke zu verteidigen. Nicht mit Imagekampagnen und schönen Worten, sondern mit weniger Bürokratie, mehr wirtschaftlicher Freiheit, bezahlbarer Mobilität, attraktiven öffentlichen Räumen und einer Stadtpolitik, die den Mut hat, neue Wege zu gehen.

Mein Anspruch ist deshalb klar: Düsseldorf muss wieder die Stadt sein, in der man gerne investiert, gerne arbeitet, gerne einkauft und vor allem gerne bleibt. Dafür brauchen wir keine Politik, die Probleme verwaltet, bis sie sich von selbst erledigen. Wir brauchen eine Politik, die handelt – bei Leerständen, bei Parkgebühren, bei Mobilität, bei Sauberkeit und Sicherheit, bei Bürokratie und bei der Infrastruktur.

Denn eine lebendige Innenstadt entsteht nicht durch Verwaltung. Sie entsteht durch Menschen, die den Mut haben, ein Geschäft zu eröffnen, ein Restaurant zu führen oder ein Unternehmen zu gründen – und durch einen Staat und eine Stadt, die ihnen dabei nicht im Weg stehen.

Noch können wir handeln. Noch ist Düsseldorf nicht im Auge des Sturms. Aber wir sollten nicht darauf warten, bis es zu spät ist.

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